„Ich habe Angst, etwas falsch zu machen“ – was Mädchen und genderqueere Jugendliche über Technik sagen
von Katja Lauth
Stell dir vor, du bist 14, lebst auf dem Land und interessierst dich für Technik. Der nächste größere Ort, an dem du etwas Technisches lernen könntest, ist nur mit dem Bus erreichbar – und der fährt nachmittags nur zweimal. In deiner Schule teilen sich drei Personen einen Computer – und darauf lernst du, wie man Microsoft Word benutzt. Und wenn du in einem MINT-Fach im Unterricht etwas falsch machst, kommentiert ein Junge hinter dir abfällig deine Leistung. Wie viel Motivation hättest du noch, dich mit Technik zu beschäftigen? Wenig, oder?
Genau zu diesen Themen sind wir in unseren Technik-AGs im Landkreis Sömmerda ins Gespräch mit MINTA* (Mädchen, inter, nicht-binäre, trans und agender Jugendliche) gegangen. Wir wollten wissen: Welche Hürden erleben MINTA*? Was brauchen sie, um sich in technischen Bildungsangeboten wohlzufühlen? Und was müsste sich ändern? Mit einem Meinungsbarometer und einer stillen Plakatabfrage haben wir die 10- bis 16-Jährigen selbst zu Wort kommen lassen.
„Technik ist für alle – aber…“
Grundsätzlich waren sich fast alle Jugendliche einig: Technik ist für alle Geschlechter da. „Man soll alle Leute gleich betrachten“, sagte eine Teilnehmer*in. Gleichzeitig hat etwa die Hälfte der Jugendlichen schon gehört, Technik sei „eher was für Jungs“. Manche von Mitschülern, manche sogar von Erwachsenen.
Diese Botschaften wirken. Viele kennen kaum andere Mädchen oder genderqueere Jugendliche, die sich für Technik interessieren – außer denen in der AG.
Vorbilder? Wenn überhaupt, dann oft Väter, Opas oder Onkel. FLINTA*-Vorbilder sind selten. Umso auffälliger ist, dass einzelne Jugendliche ausdrücklich ihre AG-Leiterinnen als Vorbilder nennen – auch wenn diese sich nicht als technikaffin bezeichnen würden. Sichtbarkeit von Identifikationspersonen zählt – viel mehr als Fachkenntnisse.
„Ich habe Angst, etwas kaputt zu machen“
Erschreckenderweise fiel ein Satz mehrmals: „Ich kenne mich nicht gut aus, daher habe ich Angst.“ Die Befürchtung der MINTA* etwas falsch zu machen, ist groß. Die falsche Taste drücken. Etwas löschen. Ein Gerät fallen lassen. Einen falschen Link anklicken. Englisch nicht verstehen. Ausgelacht werden.
Viele berichten, dass sie sich in geschlechter-gemischten Kontexten – vor allem durch cis-Jungs – bewertet fühlen. „Hier gibt es keine Jungs, die mich nerven“, sagte eine Teilnehmer*in über die Technik-AG für MINTA*. Und das war kein Nebensatz, sondern einer der Hauptgründe, warum sie kommt.
Ländlicher Raum: Wer nicht gefahren wird, bleibt zuhause
Technikangebote für Jugendliche? „Hier gibt’s eher Fasching oder Reiten.“ Viele Jugendliche berichten, dass es in ihrer Umgebung kaum Freizeitmöglichkeiten im technischen Bereich gibt. Wer kein Auto in der Familie hat oder nicht gefahren werden kann, bleibt außen vor. Seltene Busverbindungen machen eine regelmäßige Teilnahme schwierig. Diese strukturelle Hürde betrifft viele junge Menschen im Landkreis.
Schule: viel Theorie, wenig Erlebnis
Das neue Fach „Medienbildung und Informatik“ aus dem Rahmenlehrplan Thüringen wird unterschiedlich erlebt. Manche loben engagierte Lehrkräfte und vielfältige Methoden. Andere sagen: „Naja, das Erleben fehlt.“
Wenn Computer geteilt werden müssen oder Inhalte hauptsächlich aus Word-Übungen bestehen, bleibt Technik abstrakt. In der AG dagegen wird ausprobiert, gelacht und gebaut. „Es ist toll hier hin zu kommen und Spaß zu haben“, sagte eine Teilnehmer*in. Technik wird hier nicht bewertet – sie wird erlebt.
Technik verändert die Welt? „Nö, die Welt verändert sich auch so.“
Spannend war auch diese Aussage. Die Jugendlichen sehen Technik nicht als Allheilmittel. Ja, Technolgien sind wichtig. Aber noch wichtiger sind ihnen „Lebensmittel“, „ein gutes Miteinander“ oder „die Umwelt“. Technik wird als Werkzeug verstanden – nicht als Lösung für alles. Diese differenzierte Haltung zeigt: Es geht den Jugendlichen nicht um Technik um der Technik willen, sondern um sinnvolle, lebensnahe Anwendung.
Was brauchen MINTA*?
Die Antworten sind erstaunlich konkret:
- bewertungsfreie Räume
- Erwachsene, die ermutigen statt kontrollieren
- gemütliche Arbeitsplätze statt Frontal-Computerräume
- Snacks und kleine Pausen
- wöchentliche AG-Termine
- kreative Themen wie 3D-Druck, Spieleentwicklung oder virtuelle Welten
Und vor allem: eine Atmosphäre, in der niemand lacht, wenn etwas nicht sofort klappt.
Die MINTA*-AG wird nicht nur als Lernort beschrieben, sondern als Schutzraum insbesondere für Jugendliche, die im Schulalltag wenig Anerkennung erfahren oder Schwierigkeiten haben, Anschluss zu finden. Für manche ist die AG einer der wenigen Orte, an denen sie sich technisch ausprobieren können, ohne sich beweisen zu müssen und bewertet zu werden.
Fazit: MINTA*-AG ist mehr als Technikbildung
Unsere Befragung zeigt deutlich: Geräte allein reichen nicht.
Wenn wir wollen, dass MINTA* selbstverständlich an technischen Bildungsangeboten teilnehmen, brauchen wir erreichbare Angebote im ländlichen Raum, sichtbare Identifikationspersonen und pädagogische Räume, in denen Fehler erlaubt sind.
Text: Katja Lauth