“Als Medienpädagogin muss ich regelmäßig Instagram deinstallieren.” – Jana
von Johanna Balsam
Die Debatte über ein Social-Media-Verbot dürfte neuen Aufwind bekommen: Als erstes EU-Land hat sich das französische Parlament auf ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige geeinigt. Bei mediale pfade diskutieren wir deshalb über den eigenen digitalen Lebensraum, Algorithmen und warum die EU handeln muss.
Ich, seit mehreren Jahren Medienpädagogin bei mediale pfade, beschäftige mich beruflich damit, mit Menschen über einen sinnvollen und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien zu sprechen. Ich weiß, was Algorithmen sind, warum Likes Dopamin ausschütten und welche Funktionen Plattformen nutzen, damit ich mich weiter durchklicke. Auch wie dadurch algorithmisch verstärkte Filterblasen entstehen und wie das mit Online-Radikalisierung und Polarisierung zusammenhängt, besprechen wir in unseren Workshops.
Trotzdem passiert es mir immer wieder: nur kurz was nachschauen oder einem Account folgen und ups – schon ist eine Stunde rum, mein Kopf leer und trotzdem überreizt von Bildern und Tönen. Was war das nochmal für ein Video, drei Swipes ago? Es dauert immer erstmal einen Moment, in die analoge Welt zurückzukehren und statt einiger Minuten ist meistens mehr als eine Stunde vergangen. Immer öfter passiert mir dies in Situationen, in denen ich unter Stress stehe, die vielen Krisen der Gegenwart meinen Kopf und meine Gefühle überfordern und ich einfach nur abschalten will. Auch Kolleg*innen und der Freundeskreis berichten davon.
Die Ablenkung ist immer nur einen Handygriff entfernt, also deinstalliere ich regelmäßig die Apps. Nicht als bewusste Social-Media-Pause, sondern als Selbstverteidigung. Weil das eigene Verhalten aus dem Ruder läuft und ich das Gefühl bekomme, das endlose Scrollen übernimmt mein Gehirn. Und das soll es auch. Die Architektur Sozialer Medien braucht unsere Aufmerksamkeit. Milliarden fließen in Verhaltensforschung, A/B-Tests und den Wettlauf um unsere tiefsten Reflexe. Scrollen, Liken, Dopamin – und dann wieder von vorne.
Als Medienpädagogin frage ich mich deshalb, was Social Media insbesondere mit jungen Menschen macht. Die Antwort kennen wir in Teilen: starke emotionale Belastung, Zukunftsangst und Gefühle von Einsamkeit. Gleichzeitig bieten digitale Räume aber auch Schutz, Vernetzung, Kontakt zu Mitmenschen und sind im Alltag nicht mehr wegzudenken; es gibt keine analogen Alternativen. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten außerhalb des eigenen 2-km-Umkreises, politisches Interesse und Empowerment wird durch Social Media möglich.
Von Verboten als pädagogische Handlung war ich noch nie überzeugt. Mit einem Social-Media-Verbot nimmt man Jugendlichen ein grundlegendes Recht auf Teilhabe und Mitbestimmung. Ganz zu schweigen von den vielen Ungereimtheiten in der Umsetzung, etwa bei einer Alters- oder Identitätskontrolle.
Digitale Räume sind soziale Räume
Während Social-Media-Nutzung für Erwachsene schon schwer kontrollierbar ist, trifft sie Kinder und Jugendliche direkt in einer Lebensphase, in der sich Identität und Zugehörigkeit orientieren und entwickeln müssen und die Impulskontrolle noch nicht voll ausgebildet ist. Für viele findet Sozialleben nicht nur auf dem Pausenhof oder dem Jugendzentrum statt, sondern auch auf WhatsApp, Discord oder Snapchat.
Die Teilnahme an digitalen Räumen ist kein Nice-to-Have, sondern Partizipation an einem zentralen Sozialraum, der bespielt werden will. Wer diese digitalen Räume nicht nutzen kann, ist ausgeschlossen. Und aus Räumen ausgeschlossen zu sein, oder sich darin nicht mehr passend zu fühlen, ist eine Erfahrung, die Jugendliche in unserer Gesellschaft eh schon viel zu oft machen. Jugendclubs werden geschlossen, der öffentliche Nahverkehr gespart und Schulen unterfinanziert. Dazu erleben viele Jugendliche Diskriminierung und Ausgrenzung.
Jugendliche in ihren Belangen einbeziehen
Wie so oft wird in der Debatte lieber über Jugendliche gesprochen als mit ihnen. Daher haben wir Jugendliche des Medienkompetenzzentrums Lichtenberg gefragt, wie sie über das diskutierte Social-Media-Verbot denken:
“Es ist schlecht, weil: die armen Kinder! Und dann kommt die Frage: Bist du 16? Dann würde ich halt schreien.” Felix, 10
“Ich find’ Alter ist wichtig, aber nicht so. Vielleicht [Social Media] so ab 12?” Alexander, 14
“Nicht gut, wir können halt sonst schon nix machen.” Mohammad, 12
Diese Aussagen zeigen, dass Jugendliche durchaus differenziert über Social Media und notwendige Einschränkungen nachdenken. In Workshops berichten sie von eigenen Strategien, um ihre Screentime zu reduzieren oder belastende Inhalte aus dem Feed zu entfernen. Sie weisen aber auch darauf hin, dass Ablenkung im Alltag durch Social Media und die Gefahren von Online-Radikalisierung kein reines “Jugendproblem” sind: Eltern und Familienangehörige würden das Handy auch selten aus der Hand legen und beispielsweise KI-generierte Inhalte kaum erkennen.
Europa muss handeln
Medienkompetenz, wie wir sie in Schulen und im Medienkompetenzzentrum vermitteln, ist notwendig, aber nicht ausreichend, um Menschen in postdigitalen Räumen beim Navigieren zu helfen. Wir kämpfen gegen Windmühlen, wenn die Plattformen selbst Abhängigkeit und Desinformation als Geschäftsmodell nutzen und Emotionsspiralen befeuern.
Aufklärung ändert nichts, wenn die Plattformen nicht in die Verantwortung genommen werden. Sie nutzen absichtlich suchtfördernde Designs, wohlwissend, dass diese auf junge Menschen noch einmal stärker wirken. Zum gleichen Schluss kam im Februar auch eine Untersuchung der Europäischen Kommission, die feststellte, dass TikTok mit seinen Geschäftspraktiken gegen den Digital Service Act (DSA) verstößt. Und in den USA gewann Ende März 2026 eine junge Frau gegen Meta und YouTube mit der Klage, ihr Social-Media-Konsum seit Kindheit an habe zu ihren mentalen Gesundheitsproblemen beigetragen. Dass die EU-Kommission Ende 2025 jedoch erstmals eine Strafe nach dem DSA verhängte – gegen X, nach zwei Jahren Verfahren – zeigt: Das Instrument existiert, aber der Wille zur konsequenten Durchsetzung muss erst noch bewiesen werden.
Nun muss weiter dafür gekämpft werden, dass alle Menschen in einer (post)digitalen Welt leben können. Diese muss sicher und selbstbestimmte Wege bieten, miteinander in Kontakt zu treten.
Dafür braucht es Veränderung auf mehreren Ebenen:
- Parlamente und Gerichte müssen dafür sorgen, dass die Plattformen dem DSA nachkommen.
- Medienpädagogische Praxis an Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen muss nachhaltig verankert und gefördert werden.
- die Medienkompetenz von Eltern, Pädagog*innen und anderen Zielgruppen muss ausgebaut werden.
Und wir sollten viel mehr darüber sprechen, wie andere, utopische oder schon real existierende Soziale Netzwerke funktionieren oder funktionieren könnten. Solche, die nicht die Maximierung ihrer Gewinninteressen um den Preis unserer mentalen Gesundheit und unserer Demokratie ins Zentrum ihrer Arbeit stellen.
Instagram und TikTok habe ich bisher noch nicht wieder installiert und genieße mehr Blicke in die Ferne. Aber ich würde gern mal wieder bei meinen Lieblingsaccounts nachschauen, was so läuft – nur ganz kurz natürlich!
Quellen:
- Commission preliminarily finds TikTok’s addictive design in breach of the Digital Services Act.
- Jury finds Instagram and YouTube liable in a landmark social media addiction trial.