28. Sep. 2026

Landtagswahlen im Feed: Was Jugendliche auf TikTok beschäftigt

von Tami Kelling

In den letzten Wochen wurde viel über die starke Präsenz der AfD auf TikTok und damit zusammenhängende politische Radikalisierungsprozesse bei jungen Menschen berichtet.

Und ja, die AfD hat früh erkannt, wie sie TikTok strategisch nutzen kann. Dabei setzt sie auf eine große Community und die Zusammenarbeit mit Akteur*innen der Neuen Rechten, die das politische Vorfeld bespielen. Damit sind kulturelle Güter und Sphären wie Lifestyle-Themen, Memes und Musik gemeint. Der Content wirkt so erst einmal unpolitisch, transportiert aber unterschwellig (extrem) rechte Ideologien und beispielsweise konservative, restriktive Geschlechterrollen. All das kann dazu beitragen, rechte Deutungen, Rollenbilder oder menschenfeindliche Aussagen zu normalisieren.

Die Analyse und Beobachtung von Algorithmen, Reichweiten und rechten Strategien erzählt aber nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist auch, wie Jugendliche selbst ihre For-You-Page (FYP) erleben: Welche politischen Inhalte sehen sie? Und wie ordnen sie diese ein?

Welchen politischen Content sehen Jugendliche wirklich?

Für unseren Messenger-Channel Teacher Feed arbeiten wir mit einer Gruppe von Trendscouts zusammen, die aus Schüler*innen und Jugendlichen besteht. Sie teilen regelmäßig Inhalte ihrer FYP mit uns und ordnen Social-Media-Trends ein. (Mehr Infos zum Teacher Feed)

Rund um die Landtagswahlen berichteten sie uns, dass ihre FYP voll mit politischen Inhalten und Statements sei. Dabei begegneten ihnen viele unterschiedliche Videos, von politischen Creator*innen über Edits von Bundestagsreden bis hin zu identitätsstiftenden Trends. Es gibt nicht den einen Content, den alle sehen.

Auch die Jugendwahlen in den Bundesländern zeigen, dass es wenig sinnvoll ist, von den Jugendlichen zu sprechen. Bei der Berliner U16-Wahl wurde Die Linke mit 32,8 Prozent stärkste Kraft, die AfD erhielt 5,8 Prozent. Bei der U18-Wahl in Mecklenburg-Vorpommern erreichte die AfD 33,3 Prozent, gefolgt von der Linken mit 25,3 Prozent. Und in Sachsen-Anhalt waren die Parteien beinahe gleich stark: 28,1 Prozent für die AfD und 27,1 Prozent für Die Linke.

Wir haben deshalb genauer hingeschaut und zeigen anhand einiger Beispiele aus den Feeds unserer Trendscouts, welche politischen Trends und Themen Jugendliche rund um die Wahlen beschäftigen.

Your political views define you

Politik ist für junge Menschen ein wichtiger Aspekt der eigenen Identität und des Wertehorizonts, wie der Trend „Your political views define you“ (Dt.: „Deine politischen Ansichten definieren dich“) zeigt. Dabei schauen Creator*innen einfach ernst oder überzeugt in die Kamera und blenden den Satz als Caption ein, wie in diesem Beispiel.

Eine*r unserer Trendscouts schreibt dazu: „Besonders interessant finde ich, dass sich politische Einstellungen zunehmend darauf auswirken können, mit wem junge Menschen befreundet sein oder eine Beziehung führen möchten (was dann auch in den Kommentaren geäußert wird).“

Wer wird als potenzielle*r Partner*in akzeptiert und wer nicht? Hier zeigt sich ein Dating-Konflikt, der online omnipräsent ist: Junge Frauen orientieren sich politisch häufiger nach links, während sich junge Männer häufiger rechts verorten.

Auf TikTok und Co. wird das auch mit Memes wie „Er ist eine 10, aber wählt AfD“ thematisiert. Linke und feministische Creator*innen formulieren politische Grenzen beim Dating häufig als Selbstschutz und Empowerment und grenzen sich klar von rechten Positionen ab, wie in diesem Beispiel.

Rechte Creator hingegen inszenieren sich teilweise als Opfer, weil Frauen vermeintlich keine konservativen Männer daten wollen, und werten feministische Positionen ab. Hinzu kommen antifeministische Influencer, die Fragen nach Dating und Status mit einem vermeintlichen Verlust von Männlichkeit, traditionellen Geschlechterbildern und teilweise rechten Deutungen verbinden.

Dass es gerade unter jungen Menschen einen politischen Gender Gap gibt, zeigen auch die Landtagswahlen. In Sachsen-Anhalt stimmten 52 Prozent der jungen Männer unter 25 Jahre für die AfD, bei den jungen Frauen waren es 32 Prozent.

Gegenrede

Gegen die Masse an rechten Inhalten formiert sich auch Widerspruch. Unsere Trendscouts berichten von Reaction-Videos, Gegenpositionen und Argumentationen, die rechte Positionen entkräften. Besonders gefeiert wird der antifaschistische Creator Marcant, der mit Interviews auf AfD-Veranstaltungen bekannt geworden ist.

Die Argumente und Diskussionen in Marcants Videos sind nicht „perfekt“ und setzen oft eher auf emotionale Anschlussfähigkeit. In seinen Interviews fragt er nach, geht auf Ängste ein, widerspricht und zeigt vor allem, wie demokratische Gegenrede auf Social Media reichweitenstark, jugendnah und emotional anschlussfähig sein kann.

In Reaktion auf die Wahlen trenden auch linke Songs wie „Hausverbot“ von ONO CLIQ mit dem Refrain: „Wer blau wählt, wählt dumm. Meine Welt bleibt kunterbunt“ (siehe dieses TikTok-Video). Immer mehr junge Menschen äußern ihre Ängste und Sorgen außerdem mit Memes und Humor, zum Beispiel, wenn sie mit nur noch halb gefüllten Klassenzimmern auf drohende Abschiebungen hinweisen.

I saw the sign

Eine weitere Beobachtung unserer Trendscouts sind die Trends „I saw the sign“ und „Hab gemerkt, ich bin nicht von da“ (siehe Beispiel). Junge Menschen erzählen darin von einem Wandel ihrer eigenen Haltung. Politische Identität erscheint hier nicht als etwas Festes. Einstellungen werden hinterfragt, Zugehörigkeiten aufgegeben und Veränderungsprozesse öffentlich gemacht.

Hier kann politische Bildung ansetzen, denn gerade im Jugendalter spielt die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität eine wichtige Rolle. In einer von Multikrisen geprägten Zeit können vereinfachte Welt- und Erklärungsbilder besonders attraktiv wirken. Deshalb ist es für politische Medienbildner*innen umso wichtiger zu verstehen, warum Jugendliche von bestimmten Inhalten angesprochen werden und welche Emotionen, Rollenbilder und Identitätsangebote diese vermitteln.

Genau diese Themen beleuchten wir in unserem Projekt „Update Medienkompetenz – Lehrende fit machen gegen Extremismus, Desinformation und Hate Speech.“

Im Messenger-Channel Teacher Feed teilen wir zweimal pro Woche Informationen zu aktuellen Social-Media-Trends und Hintergründe zu Online-Kulturen mit Beispielen von den Plattformen. Die Trends und Themen erarbeiten wir gemeinsam mit unseren Trendscouts. Für Lehr- und pädagogische Fachkräfte teilen wir außerdem praxisnahe Unterrichtsimpulse.

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Darüber hinaus bieten wir kostenlose Online-Fortbildungen und die Online-Konferenz für mehr Demokratie im Feed am 10. November 2026 zu diesen Themen an.

Quellen:

(Netz-)Politische Bildung Schulische Bildung Medienbildung