Bound to learn durch Bound to act!
von Hannah Schirop
Bound to act! war unser Versuch, einen ortsbezogenen Actionbound zum Thema Antisemitismus im Bezirk Lichtenberg zu entwickeln. Partizipativ, niedrigschwellig, mit lokalem Bezug und echten Stimmen aus dem Kiez. Was dabei herauskam und vor allem was wir dabei gelernt haben, möchten wir hier teilen.
Der Kiez entscheidet, wo man hinschaut
Wenn man ein digitales Bildungsformat entwickelt, das Jugendliche durch den eigenen Kiez führt, antisemitische Vorfälle sichtbar macht und gleichzeitig Handlungsoptionen vermittelt, dann hat man oft ein ziemlich klares Bild im Kopf, wie das aussehen soll. Dann geht man raus und merkt: Das was funktioniert, entsteht draußen und beim Testen.
Ursprünglich war geplant, den Bound inhaltlich um die Verbindung von Antisemitismus und Verschwörungserzählungen herum aufzubauen. Ein wichtiges Thema, aber nach der Recherche im Bezirk, den Gesprächen mit lokalen Partner*innen und dem eigenen Erleben im Kiez haben wir uns umentschieden.
Denn was uns in Neu-Hohenschönhausen auf dem Weg zur Arbeit ins MeKo (Medienkompetenzzentrum Lichtenberg) begegnet ist, war eine hohe und sehr sichtbare Präsenz der extremen Rechten. Viele Sticker, Schmierereien oder starke Beschädigung durch Einritzen.
Ein Beispiel hat uns länger begleitet, weil es in einen Baum auf dem Weg zum MeKo eingeritzt und somit nicht einfach wie ein Sticker zu entfernen war: Gut sichtbar auf Augenhöhe ein Hakenkreuz zusammen mit der von extrem Rechten genutzten Lebensrune. Mittlerweile wurde es gemeldet und von Unbekannten (leider unsachgemäß) entfernt.
Ein kleiner, aber nicht unwichtiger Hinweis an dieser Stelle: Wer Symbole in Bäume geritzt findet, sollte das dem Bezirksamt melden, nicht selbst Hand anlegen. Wird die Rinde verletzt, wird das zum Eintrittstor für Schädlinge. Das Bezirksamt kann das fachgerecht und baumschonend beheben.
Diese Realität hat uns noch einmal umdenken lassen: Ein Bound über Antisemitismus, der von diesem Ort spricht, muss auch von dem sprechen, was hier momentan passiert. Deshalb haben wir uns entschieden, statt über verschwörungsideologischen Antisemitismus über Shoa-glorifizierenden Antisemitismus aufzuklären. Hierbei geht es einerseits um die Verbreitung von Shoa-glorifizierendem Antisemitismus durch extrem rechte Raumnahme im Kiez, aber auch darum, wie diesem entgegengewirkt werden kann und was wir individuell und zivilgesellschaftlich dagegen tun können.
Testen, testen und nochmal testen
Das Wichtigste zuerst: Kein Konzept, egal wie durchdacht, ersetzt den echten Playtest, also das Testen von dem Actionbound mit Zielgruppen.
Wir haben das Format in mehreren Runden mit Schulklassen und erfahrenen Kolleg*innen getestet und jedes Mal Dinge entdeckt, die wir vorher nicht gesehen haben. Zum Beispiel, dass bestimmte Aufgaben zu ähnlich klingen, obwohl sie inhaltlich etwas anderes wollen oder Schätzfragen Frust erzeugen, wenn die Antwort-Logik nicht sofort klar ist.
Das ehrlichste Feedback kam ganz früh von einer Kollegin in einem Playtest: „Der Fun fehlt.“ Das tat kurz weh, aber es war seitdem eine der Brillen, die wir uns immer wieder aufsetzten, wenn wir neue Stationen entworfen haben.
Genauso bereichernd waren die Begegnungen beim Testen mit anderen Betroffenen und Multiplikator:innen. Sie haben das Verständnis dafür geschärft, was der Bound leisten kann, wo er vorsichtig sein muss und wo Dinge schlichtweg falsch waren (eine Thora-Rolle wurde falschrum dargestellt, auf dem Bild sieht ihr sie richtig herum).

Beim Playtest mit einer Schulklasse meldete sich ein Schüler zu Wort, der selbst von Antisemitismus betroffen ist. Er fragte, warum das im Bound gezeigt Video eigentlich nicht erklärt, warum ausgerechnet Jüdinnen und Juden so oft als Schuldige konstruiert werden. Eine Frage, die tiefer geht als ein Erklärvideo und die zeigt, was ein gutes Bildungsformat leisten kann: nicht nur Wissen übermitteln, sondern Reflexion und Neugierde anstoßen.
Was Jugendliche wirklich wollen (und was nicht)
Aus den konstruktiven Feedbacks von den Teilnehmenden, sowie Multiplikator*innen konnten wir wichtige Erkenntnisse für den weiteren Prozess mitnehmen:
Was ankam: Mit iPads draußen unterwegs sein. Echte Stimmen hören. Einbindung von Medien, die sie auch nutzen, nämlich ein TikTok-Video. Interaktive Aufgaben, bei denen man selbst etwas tut. Durch den eigenen Kiez laufen und ihn mit anderen Augen sehen.
Was nicht ankam: Zu viele Wiederholungen von Themen und Schätzfragen ohne klare Auflösungslogik. Und wer hätte es gedacht: zu viel Lesen (mittlerweile ist unser gesamter Bound vertont).
Kleine Gruppen, großes Engagement – über Partizipation in offenen Jugendeinrichtungen
Eine der größten strukturellen Herausforderungen war die Gewinnung von Jugendlichen für die partizipative Medienproduktion. In offenen Jugendfreizeiteinrichtungen gibt es keine festen Gruppen: Wer heute da ist, muss morgen nicht wiederkommen. Das macht kontinuierliche Beteiligung schwierig. Dafür konnten wir die Jugendlichen, die Interesse hatten, umso intensiver als Expter*innen einbeziehen und hatten eine spannende Gesprächsrunde zu ihren Erfahrungen und Wünschen im und für den Kiez. (Ausschnitte aus dem Gespräch könnt ihr übrigens im Bound hören ;))
Das hat uns daran erinnert, dass Partizipation nicht von der Anzahl der Beteiligten abhängt. Manchmal ist eine kleine Gruppe, die wirklich mitdenkt, wirkungsvoller als eine große, die mitläuft.
Medienpädagogisches Arbeiten draußen heißt: Das Wetter mitdenken
Eine strukturelle Erkenntnis, die wir gerne früher gehabt hätten: Wenn man ein Format entwickelt, das zwingend im Freien stattfindet, braucht man Projektlaufzeiten, die Testphasen im Frühling oder Sommer möglich machen.
Wir hatten unsere relevanten Zwischenergebnisse erst im Spätherbst. Das heißt, es war dunkel, kalt und regnerisch am Nachmittag, was zum Werben für einen Playtest ziemlich herausfordernd ist. Tollerweise haben sich trotz widriger Bedingungen einige Multiplikator*innen und zwei Schulklassen für Playtests draußen begeistern lassen. Teilweise bei Minusgraden. Die Erwachsenen sind früher eingeknickt, mit denen spielten wir den Bound drinnen zu Ende. Für zukünftige Projekte dieser Art würden wir jahreszeitenbedingte Wetterphasen von Anfang an einplanen und Playtests nur bei Sonne und 15 °C Plus durchführen!
Einfache Sprache ist gar nicht so einfach
Wir haben lange an den Texten im Bound gearbeitet. Viele Köpfe, mehrere Runden und mit Unterstützung von auf einfache Sprache programmierten KI-Tools. Und trotzdem: Am Ende hat eine professionelle Lektorin Sätze gefunden, die wir selbst nicht mehr gesehen haben. Formulierungen, die wir für klar hielten und die für Außenstehende und erst recht für Jugendliche schlicht zu dicht waren.
Das ist kein Vorwurf an uns oder an die Tools. Es ist eine Beobachtung: Wer lange an komplexen Inhalten arbeitet, verliert irgendwann den Blick dafür, was eigentlich erklärt werden müsste. Man weiß zu viel. Und KI-Tools reproduzieren oft genau dieselbe Komplexität in anderer Verpackung, weil sie aus denselben dichten Texten gelernt haben.
Einfache Sprache ist ein echtes Handwerk. Es reicht nicht, schwierige Wörter durch einfachere zu ersetzen. Es geht darum, zu verstehen, welche Vorannahmen ein Text macht und sie sichtbar zu machen oder wegzulassen. Das braucht Übung, Distanz und fast immer einen frischen Blick von außen. Die Zusammenarbeit mit einer Lektorin, die auf Verständlichkeit spezialisiert ist, war einer der praktischsten Schritte im ganzen Prozess und hat den Bound wirklich zugänglich(er) gemacht.
Was wir mitnehmen
Partizipation ist keine Methode, die man ans Ende eines Prozesses hängt. Sie beginnt mit dem ersten Playtest, mit der ersten Schulklasse, mit der ersten Person, die man fragt: Was fehlt dir hier?
Antisemitismuskritische Bildung mit digitalen Formaten kann funktionieren, aber nur, wenn sie sich traut, unbequeme Rückmeldungen anzunehmen. Wenn sie Betroffene nicht nur als Zielgruppe behandelt, sondern als Expert*innenin den Prozess einbindet: sie z.B. in regelmäßige Feedbackschleifen oder das Lektorat fair honoriert und auf Augenhöhe eingebunden werden.
Der Actionbound von bound to act! ist jetzt fertig und gleichzeitig nie ganz fertig. Er ist als offene Bildungsressource (OER) verfügbar, damit andere ihn nutzen, anpassen und weiterdenken können.
Weil das vielleicht das wichtigste Learning ist: Gute Bildungsformate wachsen mit denen, die sie benutzen.
Hier geht es zur Projektseite mit den Links zum Bound und allen OER’s.
„Bound to act“ ist ein Projekt von mediale pfade, gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt